Der ewige Kampf um Recht und Wahrheit
Der Vater von Christine hatte immer eine besonders eine ruhige Stimme mit einem bestimmten Tonfall bevor er eine Strafe ausgesprochen hat. Es hat sich als erfolgreiche Reaktion erwiesen, dass Christine den Raum verlies, nachdem ihr Vater in diesem Ton sprach. So entging sie nämlich der erwarteten Bestrafung. Es entstand bei ihr die Erkenntnis, dass Menschen, die in dieser Form sprachen, nicht Gutes mit ihr vorhatten.
Weil es wichtig war, achtete Christine besonders stark auf diesen Tonfall bei Menschen, stellte ihre Wahrnehmung darauf scharf. Und sie fand immer wieder Menschen, die mal in diesem Tonfall sprachen und entsprechend ging sie auf Abstand und brachte sich vermeintlich in Sicherheit. Für sie war ihre Reaktion erfolgreich, weil sie ja keine Bestrafung bzw. negative Reaktion erfuhr. Allerdings hatten die Personen auch nicht vor, sie zu bestrafen und waren teilweise irritiert darüber, dass Christine in der Situation auf Abstand zu ihnen ging.
So wie Christine in diesem Fall haben wir alle ganz viele individuelle Reaktionsmuster, Erwartungen und Erkenntnisse in unserem Leben angesammelt, die unsere Sicht auf die Welt prägen. Wir haben unterschiedliche Lebenserfahrungen (auch frühkindliche) in Bezug auf Beziehungen und viele andere Dinge des Lebens gesammelt und dementsprechend auch unterschiedliche Wahrnehmungen, Glaubenssätze, Sichtweisen und Wahrheiten entwickelt. Wenn wir jetzt versuchen, unsere eigene Wahrheit in einer Beziehung zur absoluten Wahrheit zu machen, bedeutet das für die andere Person, dass sie ihre eigene Wahrheit und Lebenserfahrung negieren soll.
Entsprechend wird sie häufig um den Bestand ihrer Wahrheit kämpfen. Sie ist schließlich ein zentraler Bestandteil ihrer Persönlichkeit. Daraus kann ein immerwährender Kampf um Deutungshoheit und Rechthaben werden. Wenn aber akzeptiert wird, dass jede Person eine eigene Sicht auf die Welt haben muss, wird auch die Unterschiedlichkeit als „normal“ angenommen. Es entsteht nicht der Zwang die eigene Wahrheit durchsetzen zu müssen. Vielmehr geht es dann darum, sich über Unterschiedlichkeiten auszutauschen und diese so gut es geht zu verstehen und anzuerkennen.
Auf dieser Basis können dann die Partner*innen gucken, wie sie mit der Unterschiedlichkeit umgehen möchten. So werden die subjektiven Erkenntnisse aus der Lebensgeschichte von beiden gewürdigt und nicht bekämpft.